Pet Nat, Naturwein und Orangewein beim Vinocamp Rheinhessen

Ein zentraler Punkt beim Vinocamp Rheinhessen sind die Diskussionen, aber mindestens genauso wichtig sind die Verkostungen. Neben dem Thema Liebfrau(en)milch hatte ich auch wieder Weine aus der Region besorgt für die Sessions Pet Nat (Péttillant Naturel), Naturwein und Orangewein.
Auch hier wieder – vielen Dank an die Weingüter, dass Ihr uns so umfassend unterstützt!

Einige Teilnehmer waren schon „alte Hasen“ aus den letzten Jahren beim Vinocamp Rheinhessen – eine Orangeweinsession hatten wir bisher immer. Wer nochmal nachlesen möchte wie das letztes Jahr war – hier ist der Link zum Blogbeitrag „Naturwein Session Vinocamp Rheinhessen 2017“

Was – nicht nur – ich dieses Mal besonders positiv empfand, war, dass Winzer anwesend waren, die unmittelbar etwas zu ihren besonderen Weinen erzählen konnten. Das war noch einmal spannender als eine „reine“ Verkostung – vielen Dank dafür, dass Ihr Euch die Zeit genommen habt! Und von denen, die nicht teilnehmen konnten, hatte ich zum Teil detaillierte Informationen erhalten, die ich gerne natürlich in der Gruppe weitergab und hier auch an Euch.

Zum Auftakt führte uns Erik Riffel vom Weingut Riffel erst einmal an das Thema Péttillant Naturel heran – Orangewein und Naturwein ist inzwischen doch für die Meisten ein Begriff.

Während bei der klassischen Sektherstellung mit Flaschengärung der Wein in der Flasche eine zweite Gärung durchläuft, wird beim Pet Nat bereits der gärende Most in die Flasche gefüllt und vollendet die Gärung auf der Flasche. Der Abfüllzeitpunkt, und damit der verbleibende Zuckergehalt, ist hierbei sehr wichtig, denn er beeinflusst die Bildung der Kohlensäure. Dem Winzer selbst überlassen ist darüberhinaus, wie hoch der Flaschendruck ist und ob degorgiert wird oder nicht.
Einen Unterschied gibt es noch zum Sekt – falls degorgiert wird, so erfolgt keine Dosage mit Süssreserve – ein Pet Nat ist immer durchgegoren und trocken.
Eine weitere Besonderheit kann man bei vielen Pet Nats erkennen, das ist die Gärung. Häufig vergärt der Wein bis zur Umfüllung auf der Maische – also ein Orange-Sekt 🙂

Sehr treffend fand ich den generellen Vergleich der Naturweine mit Craft-Bier, von Stefan Braunewell. Der Geschmack ist einfach anders und vor allem intensiver.
Ja, anders – aber eben nicht gleichbedeutend mit automatisch schlechter 😉


 

Hedesheimer Hof, „Schun besser“

  • Pet Nat
  • zweite Runde Naturwein (erste kommt weiter unten),
    und da er schon besser war … der Name 😉
  • transvasiert
  • Muskateller
  • 24 g/l
  • 2 bar
  • klassische Brotaromen

Weingut Riffel
Pet Nat

  • präsente, aber sehr gut eingebundene Tannine
  • Weissburgunder und Scheurebe
  • unfiltriert und hefetrüb
  • Birnenaromen und Kräuter, typische Hefenote
  • Alkohol: 11 % vol.
  • viel Spannung
  • Tipp vom Winzer: passt sehr gut zu fettem und scharfem Essen – da kommen die Tannine ins Spiel 😉

Natürlich Weinreich
„Perlen vor die Säue“

  • Pet Nat
  • obwohl nur noch sehr wenige Flaschen vorrätig, haben wir eine Probeflasche bekommen – DANKE!
  • kräftige Tannine
  • eingebundene Säure Struktur
  • ein Teilnehmer sagte spontan, „erinnert mich an herzhaften Apfelwein“
  • Kupferfarben mit orangen Reflexen
  • Blüten, Honig und gelbe Fruchtaromen, dezente Hefenote
  • 2016
  • Rebsorte: Riesling, Silvaner
  • Alkohol: 11,5% vol
  • Restsüße 0,6 g/l
  • Säuregehalt4,6 g/l
  • Flaschengärung 7 Monate

Weingut Braunewell
Sylvaner Brut Nature

  • Pet Nat
  • Optik und Aufmachung recht klassisch – hängt mit dem geplanten Absatzmarkt zusammen
  • „zahme“ Tannine
  • Steinobst und reife Apfel Aromen, typische Hefenote
  • Sylvaner vom Kalkstein, aus erster Lese
  • Alkohol: 12,5 % vol.
  • Säure: 4,9 g/l
  • Restzucker: 0,0 g

Nico Espenschied
„Rote Brause“

  • Pet Nat in rot – noch keiner von uns hatte das vorher getrunken
  • viel Druck auf der Zunge
  • aromatisch
  • eine Explosion, die in Erinnerung bleibt 🙂
  • Syrah & Cabernet Franc
  • rote Fruchtaromen, Paprika und grüner Pfeffer
  • knackige Tannine

Weingut Schmitt
Pet Nat

  • „Wein ist vergorener Traubensaft, sprich: ein Naturprodukt. Wir sind davon überzeugt, dass es naturbelassen behandelt werden muss.“
  • mit Hand geerntet und maschinell entrappt
  • lagen eine Woche auf der Schale
  • mit 20g/l Restzucker abgefüllt
  • einmal degorgiert und nicht geschwefelt, naturtrüb
  • Huxelrebe, Ortega und Bacchus
  • Dörrobst Aroma und Hefenote, präsente Tannine

Sylvaner

  • Naturwein
  • entrappte Trauben lagen sechs Wochen auf der Schale in offenen Bütten
  • im grossen Holz gereift
  • nach 9 Monaten abgefüllt, ohne Filtration und Schwefel
  • Aroma von Kräuter, Heu und sehr reifen gelben Früchten
  • Säure und Restsüsse ausbalanciert
  • präsente Tannine und „typische“ Naturweinnote in der Nase

Hedesheimer Hof
„Mussmernithunn“

  • Orangewein
  • gelber Orléans aus Versuchsanbau, die älteste Rebsorte in Deutschland
  • mit Füssen gestampft
  • 2015 gelesen
  • im Barrique vergoren
  • ein Feuerwerk an Aromen und knackige Tannine
  • nicht im Verkauf

Weingut Riffel
Silvaner Réserve

  • Naturwein
  • Begriff „Réserve“ ist in Deutschland nicht geschützt, daher wird er hier bewusst verwendet und eine höhere Qualität zu definieren
  • vollreife Trauben von Hand entrappt und über 14 Tage vergoren
  • nach dem Pressen ins neue Barrique und ein Jahr auf der Vollhefe gelagert mit regelmässiger Battonage
  • nur grob gefiltert bei Abfüllung
  • 2014
  • Silvaner
  • Boden: Löß-Lehm, Quarzit – gibt spürbare Mineralik
  • Alkohol: 12,5 % vol.
  • Restzucker: 0,1 g/l
  • Säure: 4,5 g/l

Weingut Gysler
Riesling Natur

  • Naturwein
  • anthroposophisches und energetisches Begleiten der Weinberge
    Leitspruch: „WEINE REINSTER SEELE“
  • Ausbau ohne jegliche Zusätze, auch ohne Zusatz von Schwefel
  • Große Gewächs Lage „Vum Helle“ in Weinheim
  • Akribisch selektiv von Hand geerntet, entrappt
  • auf der Traubenschale für 11 Monate im großen Holzfass vergoren
  • ohne Einsatz von Pumpe und Filter naturtrüb auf die Flasche gezogen
  • 2016
  • Riesling
  • Alkohol: 12,5% vol.

Weingut Balthasar Ress
Pinot Blanc Orange Wine

  • von einem Wiesbadener Teilnehmer mitgebracht, da erlauben wir auch einen Rheingauer Wein in der Runde 😉
  • 2016
  • Weissburgunder
  • unfiltriert und mit nur wenig Schwefel abgefüllt, hatte er bei unserer Probe doch eine deutliche Schwefelnote
  • bernsteinfarben mit rötlichen Reflexen
  • reife Apfelaromen – Anmutungen von Leder, Tabak und Röstaromen

Nico Espenschied
„Bauchgefühl“ Weissburgunder & Chardonnay
„Hautnah“ Roter Traminer

  • Laura und Nico vertrauen auf ihr Bauchgefühl – die Natur erhält das letzte Wort
  • Trauben erst spät vom Saft getrennt und ganz sanft gepresst
  • spontan auf der Maische vergoren und Sur Lie im Holz
  • keinerlei Schönungsmittel und nur leicht geschwefelt
  • beide Weine mit ausgewogenem Säure, Restsüsse und Tannine Verhältnis, im „typischen“ Orange Bereich – eben kantiger, aber sehr gut 🙂
  • Aprikose und Apfel Aroma / beim roten Traminer dezente florale Noten
  • gut ausbalancierte Orangeweine mit präsenter Mineralik und reifen Tanninen

 

Natürlich Weinreich

  • besonders wichtig ist eine gute Auslese und ein extrem gesundes Lesegut
  • mit Maschine entrappt und in 800l Boxen abgedeckt auf der Maische vergoren
    1-2x täglich leicht gestampft für besseren Kontakt der Trauben
  • kühl gelagert für 4-6 Wochen
  • spontan vergoren
  • Saft abgezogen in gebrauchte Fässer per Schwerkraft (mit viel Aufwand gelingt es, den Wein nur einmal pumpen zu müssen)
  • 5-6 Monate auf der Feinhefe, ab und zu Battonage
  • kein Schwefel, keine Zusätze und keine Filtration
  • die Winzer sind selbst überrascht, „wie ähnlich sich die Jahrgänge über die Jahre doch auf natürliche Weise sind,“ ohne dass mit Hilfsmitteln eine Ähnlichkeit produziert werden muss
  • alle Weine bestechen durch eine gute Balance von Säure und Restzucker, mit präsenter Mineralik in den tanningeprägten Orangeweinen

„Tacheles“

  • 2017
  • Bacchus, Kerner, Silvaner
  • aus meiner Sicht ein „Einsteiger-Orange“ aufgrund der Fruchtaromatik, die die Tannine gut einbinden
  • Alkohol 10,5% vol
  • Restsüße 0,4 g/l
  • Säuregehalt 5,3 g/l
  • Maischegärung 1 Monat
  • Ausbau Halbstück 5 Monate

„Des Wahnsinns Fette Beute“

  • 2017
  • Chardonnay
  • Die Rebsorte kann eine gewisse „Üppigkeit“ mitbringen
    Damit wird grandios gespielt und der Orangewein macht seinem Namen Ehre
  • Alkohol 12,0% vol
  • Restsüße 0,3 g/l
  • Säuregehalt 5,1 g/l
  • Maischegärung 2 Monate
  • Ausbau Halbstück 5 Monate 

„Heiter  bis Wolkig“

  • 2016
  • Dornfelder, Kerner
  • in der Tradition des Rotlings, wird dieser Naturwein ausgebaut – aus meiner Sicht erhält er damit die Vorteile aus beiden Welten
  • präsente Tannine und  Apfel Aromen
  • Alkohol 11,5% vol
  • Restsüße 0,2 g/l
  • Säuregehalt 5,2 g/l
  • Maischegärung 1 Monat
  • Ausbau Halbstück 5 Monate

Weingut Eppelmann
„Orange“

  • 2015
  • Grauer Burgunder
  • im Edelstahl Maischegärung durchlaufen
  • Barrique
  • 5 Monate auf Vollhefe
  • hatten wir auch letztes Jahr verkostet … da hatte er noch um einiges mehr Ecken und Kanten und wirkte nicht ganz ausbalanciert
  • dieses Jahr die absolute Überraschung für uns alle – runder und harmonischer
  • Curry und kandierte Früchte
  • Tannine viel angenehmer eingebunden, als letztes Jahr – toll!

Fazit zu den Sessions Pétillant Naturel, Naturwein und Orangewein:

  • Fielen in den Anfängen diese Art von Weinen häufig aufgrund ihrer Fehler auf, so gibt es inzwischen sehr viele Winzer*innen, die sich darauf spezialisiert haben und handwerklich ganz tolle Tropfen auf die Flasche bringen.
  • Wie wir gehört haben, spielt speziell bei dieser Art von Weinbereitung die Erfahrung im Umgang mit dem Ausbau eine sehr grosse Rolle. Das kann dann ja nur heissen, dass es weiter bergauf geht 😉
  • Sehr gut gefiel mir der Vergleich mit Craft Bier – diese Weine schmecken einfach anders und aufgrund der Machart eben intensiver und ungewohnter. Wenn man bereit ist sich darauf einzulassen, dann gibt es sehr viel zu entdecken.
  • Ob Orangewein oder Naturwein jemals beim Mainstream ankommt oder ankommen muss? Aus meiner Sicht – nein.
    Es bleibt eine Nische – aber eine herrliche und spannende – und lassen wir uns doch einfach überraschen, was sich in den nächsten Jahren hier noch tun wird.
  • … und natürlich werde ich auch 2020 beim vierten Vinocamp Rheinhessen wieder versuchen eine Session zu Pet Nat, Naturwein und Orangewein zu organisieren
    … wenn die Teilnehmer das wünschen 😉